Impfen wir zuviel?

   

 

 Zur wissenschaftlichen Unhaltbarkeit jährlicher
Revakzinierungen an Katzen und Hunden

 

„Die routinemäßige Wiederholungsimpfung ist eine veterinärmedizinische Spezialität und ein überzeugender Beweis für die Qualität des Marketings der Impfstoffhersteller.“
(Horzinek 1999)

 

    

1.  Sarkom-Alarm in Pennsylvania 

In den späten 80er Jahren stellten Veterinäre in Pennsylvania einen zunächst rätselhaften Anstieg der Häufigkeit des felinen Fibrosarkoms fest. Kurz zuvor war in diesem Bundesstaat die Tollwut-Impfpflicht für Katzen eingeführt worden. Pathologen der Purdue-Universität verzeichneten zwischen 1988 und 1994 eine Verachtfachung von Impfstellen-Sarkomen im Vergleich zu Sarkomen anderer Lokalisation. 

Der Zusammenhang zwischen Impfung und Sarkombildung ist seither in zahlreichen Studien bestätigt worden, wenngleich die Ätiologie des vakzine-induzierten felinen Fibrosarkoms noch nicht vollständig geklärt ist. Sarkome wurden und werden nach subkutaner wie intramuskulärer Injektion beobachtet. Adjuvantien, vor allem Aluminiumhydroxid, standen lange Zeit als Agens im Verdacht; Sarkome bilden sich jedoch auch nach Gabe adjuvansfreier Vakzinen sowie nach Injektion anderer Biologika, resp. Medikamente, so etwa Lufenuron oder Antibiotika. Die meisten Tumore wurden auf FeLV- und Tollwut-Impfungen zurückgeführt (Hendrick 1991, 1992, 1996; Macy 1995; Kass 1996, Kessler 2000). Die im ganzen Land immer häufiger auftretenden Sarkomfälle gaben der US-Veterinärmedizin schließlich den Anstoß, das seit 1978 geltende Impfschema zu überprüfen. Kritik daran hatten Wissenschaftler schon zuvor geäußert (Schultz/Scott 1978; Phillips/Schultz 1992).

 

2.  „Are we vaccinating too much?“ 

Diese Grundsatzfrage erörterte die Tierärztin und Fachjournalistin Carin A. Smith 1995 mit den führenden Kleintiervirologen Carmichael, Scott, Macy und Schultz im Journal der American Veterinary Medical Association. Die Antwort war eindeutig – jährliche Revakzinierungen gegen virale Erreger entbehren jeglicher immunologischen Begründung und bergen ein erhöhtes und vermeidbares Risiko adverser Reaktionen (Smith 1995).

 

3.  Zulassung von Tierimpfstoffen 

Die maximale Schutzdauer oder das optimale Revakzinierungsintervall ist weder in den USA noch in Deutschland oder Europa (*) Gegenstand des Zulassungsverfahrens für Tierimpfstoffe. Die Empfehlung der Hersteller zur jährlichen Revakzinierung erfolgt willkürlich und ist nicht durch Untersuchungen zur Dauer des Immunschutzes (DOI) gedeckt. Eine Ausnahme hiervon bilden inaktivierte Tollwutimpfstoffe für Haustiere, für die sowohl in den USA als auch in Europa DOI-Studien über drei Jahre und länger vorliegen (Smith 1995, Schultz 1998, Wolf 1999, Europäisches/Deutsches Arzneibuch, o. J., Paul-Ehrlich-Institut 2000, EMEA 1999).

 

4.  Neue Impfrichtlinien in den USA  

Ende 1997 verabschiedete ein hochkarätig besetztes Beratergremium der US-Tierarztfachverbände American Association of Feline Practitioners und Academy of Feline Medicine neue Impfrichtlinien mit dreijährlichen Intervallen für die als core vaccinations bezeichneten Auffrischungen gegen Seuche und Schnupfen (AAFP/AFM 1997, 2000). Das geänderte Protokoll wird inzwischen von allen US-Hochschulveterinärkliniken und von mindestens einem Drittel der Praktiker angewendet (University of Wisconsin, 2001). Die Richtlinien für Katzen werden sogar von einem Impfstoffhersteller unterstützt, und zwar von Fort Dodge Animal Health, einem Unternehmen des Wyeth-Konzerns.  

Revidierte Richtlinien für Hunde sollen noch dieses Jahr herausgegeben werden, voraussichtlich von der American Animal Hospital Association (Schultz 2002).

 

5.  Studien zur Dauer des Immunschutzes  

Die neuen Richtlinien stützen sich auf Studien zur Dauer des Immunschutzes unter Labor- und Feldbedingungen. Sie erbrachten erwartungsgemäß eine wesentlich längere Dauer des Immunschutzes, als die Hersteller üblicherweise in den Gebrauchsinformationen ihrer Produkte angeben. Für Seuche und Schnupfen (Calici und Herpes) nach Grundimmunisierung im Welpenalter betrug die DOI mindestens 7,5 Jahre (festgestellt durch Testinfektion, den „Goldstandard“ der Veterinärvakzinologie), und zwar mit einer inaktivierten Vakzine (Scott/Geissinger 1997, 1999). Untersuchungen an Laborhunden erbrachten ähnliche Ergebnisse mit einer Schutzdauer von sieben Jahren und mehr nach Grundimmunisierung gegen Staupe, Parvovirose und Hepatitis (Schultz 2000).  

Gestützt werden die Labor-DOI-Studien durch weitere Titerverlaufs- und Challenge-Studien im Labor sowie durch Feldstudien mit vielen hundert Katzen und Hunden (Lappin 2001, Schultz 2002).

 

6.  Core und non-core vaccinations 

Im Zuge der Diskussion über Intervalle unterzogen US-Kleintierimmunologen auch die große Palette der eingesetzten Haustierimpfstoffe einer Revision. Als Vakzinen von geringem bis fragwürdigem Nutzen gelten die Produkte gegen Chlamydien, Leptospirose, Borreliose und FIP. Kritisiert wird mangelhafte Wirksamkeit wegen fehlender Kreuzimmunität der in den Impfstoffen verwendeten Serovaren gegen die Mehrheit der vorkommenden Serovaren (Lepto). Der Einsatz des Borreliose-Impfstoffs ist in vielen Teilen der USA mangels Infektionsrisiko überflüssig, in Deutschland gibt es begründete Zweifel an der Wirksamkeit, weil die hier verfügbare Vakzine nur gegen eine einzige Borrelienspezies schützt, die zudem relativ selten vorkommt. Impfstoffe gegen Chlamydien, Borreliose und Lepto sollen nach Meinung der US-Experten auch deshalb nur bei strenger Indikation angewendet werden, weil man bei ihnen eine überdurchschnittlich hohe Rate adverser Reaktionen beobachtet hat (Dodds 1999, Schultz 2000, Wolf 2001). 

Im Fall der FIP-Vakzine ist der Verdacht des antibody-induced enhancement, also der Förderung des Krankheitsausbruchs durch Antikörperbildung nach Impfung, noch nicht abschließend geklärt, während die mangelhafte Wirksamkeit als gesichert gelten kann (Scott 1999, Leukert 2002). 

Problematisch erscheint auch die neue FIV-Vakzine, die kürzlich in den USA zugelassen wurde. Die American Association of Feline Practitioners meldet Zweifel an ihrer Wirksamkeit gegen die im Feld existierenden FIV-Varianten an. Darüber hinaus sieht die AAFP ein Problem darin, daß Impfung und Infektion serologisch nicht unterscheidbar sind. Es wird befürchtet, daß dies vermeidbare Euthanasierungen zur Folge haben könnte (AAFP 2002).  

 

7.  Adverse Reaktionen auf Impfungen  

Neben dem vakzine-induzierten felinen Sarkom ist die autoimmunhämolytische Anämie die am besten erforschte gravierende adverse Impfreaktion (Duval und Giger 1996, Glickman 1999). Studien zur Häufigkeit unerwünschter Wirkungen von Impfungen sind schwierig wegen der schlechten Datenlage, die wiederum auf die unzureichenden (passiven) Meldesysteme zurückzuführen ist. Auch sind Nebenwirkungen in der Größenordnung von einigen Fällen pro 10.000 Anwendungen mit den Feldstudien vor der Zulassung von Vakzinen wegen der nur dreistelligen Zahl der einbezogenen Tiere nicht zu erfassen. In den USA sind die Hersteller immerhin verpflichtet, Meldungen der Tierärzte an die zuständige Behörde weiterzuleiten; dieses Erfordernis besteht nach unserer Kenntnis in Deutschland nicht.  

Deutsche Tierärzte sind sich, wie aus Züchterkreisen berichtet wird, offenbar nicht unbedingt bewußt, daß adverse Impfreaktionen dem Paul-Ehrlich-Institut als der zuständigen Behörde gemeldet werden sollten. Dies wurde erneut im Frühsommer 2002 deutlich, als verschiedene Katzenzüchter nach Anwendung einer bestimmten Seuche-Schnupfen-Vakzine Totalverluste von Würfen erlitten.  

Eine Übersicht über adverse Impfreaktionen legte Kathryn E. Meyer vor, die entsprechende Meldungen an die US Pharmacopeia auswertete, eine gemeinnützige Einrichtung für das Monitoring von adversen Reaktionen auf Human- und Tierarzneimittel. Neben dem felinen Sarkom wurden vor allem Typ-I-Überempfindlichkeitsreaktionen gemeldet, die sich beim Hund in erster Linie an der Haut, bei der Katze im Gastrointestinaltrakt manifestieren (Meyer 2001). 

Mehrere Studien an der Universität von Colorado sollen den Verdacht klären, daß parenterale Zellkulturimpfstoffe bei Katzen die Bildung von Autoantikörpern gegen das eigene Nierengewebe auslösen, eine mögliche Erklärung für die steigende Inzidenz der chronischen Niereninsuffizienz der Katze (Lappin 2002). 

Nachgewiesen ist die Prädisposition einiger Hunderassen für adverse Impfreaktionen (Dodds 1999). Zu Autoimmunerkrankungen durch Impfungen ist noch weitere Forschung notwendig (HogenEsch 1999), desgleichen zu den generellen Auswirkungen von Impfungen auf das Immunsystem des juvenilen Tiers (Toman 2002, Safra 2000).  

 

8.  Fehlende Immunität durch veraltete Impfstoffe 

Die Problematik des unzureichenden Schutzspektrums einiger Vakzinen ist bereits unter Punkt 6 angesprochen worden. Daß deutsche Vakzinen nur gegen zwei Leptospiren-Spezies Schutz bieten, im Feld aber wesentlich mehr Spezies auftreten können, wird durch Erkrankungen an durchgeimpften Hunden gelegentlich deutlich und dürfte manchen Praktikern bereits aufgefallen sein. Hinzu kommt die kurze Wirksamkeit von deutlich weniger als einem Jahr. So können Hunde auch an Leptospiren erkranken, gegen die sie geimpft wurden, und möglicherweise falsch behandelt werden, weil an diese Infektion wegen des vermeintlichen Schutzes nicht gedacht wird (Schultz 2000, Scanziani 2002). 

Wenig bekannt ist, daß auch Staupe-Vakzinen von Fall zu Fall nur noch von fraglichem Nutzen sind. Die fehlende Kreuzimmunität der Impfvirusstämme ist seit den in einigen Ländern beobachteten lokalen Epidemien der 80er und 90er Jahre wissenschaftlich belegt. Jährliche oder gar noch häufigere Impfungen bieten daher keinen Schutz, und die Ausbrüche sind keineswegs einer nachlassenden Impfmoral der Tierhalter anzulasten. Die lokalen Epidemien betrafen sowohl geimpfte als auch ungeimpfte Tiere (Schreiner 2001). 

Dasselbe gilt für die Calici-Komponente in Schnupfen-Vakzinen. Die weltweit verwendeten Impfvirusstämme versagen gegen immer mehr Wildvirusstämme, wie durch Untersuchungen an Feldisolaten mittlerweile gezeigt wurde. Die Impfung hat die Selektion dieser Feldstämme wahrscheinlich sogar gefördert (Pedersen 1999, Schneider 1999). Das Verhältnis von Calici zu Herpes hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten bei infizierten Katzen stark zugunsten von Calici verschoben: Waren früher beide Erreger etwa gleich häufig vertreten, so ist Calici heute vier- bis fünfmal häufiger (Truyen 1995; Binns 2000). Calici-Lebendimpfstoffe bergen darüber hinaus das Risiko der Revirulenz mit fatalen Folgen für (notabene durchgeimpfte) Bestände in Zuchten oder Tierheimen (Radford 2001).  

Eine andere Problematik zeichnet sich bei den FeLV-Vakzinen ab. Züchter, die sich auf die (jährlich wiederholte) Impfung verließen und Neuzugänge nicht mehr testeten, erlebten neue Fälle in ihren Beständen. Die Impfung schützt nicht hundertprozentig, wobei es erhebliche Qualitätsunterschiede zwischen den erhältlichen Produkten gibt. Vor der Einstellung von Testprogrammen wird daher gewarnt. Die jährliche Revakzinierung adulter Katzen gegen FeLV wird von Kleintierimmunologen abgelehnt, da die Empfänglichkeit für den Erreger unter normalen Haltungsbedingungen mit dem Alter stark abnimmt  (Wolf 2001).

 

9.  Jährliche Impfungen gegen Tollwut 

In Mitteleuropa zugelassene Tollwut-Impfstoffe müssen einen belastbaren Schutz von drei Jahren bieten (Lutz 2001). Impfstoffe, die in der Schweiz als Drei-Jahres-Vakzinen zugelassen sind und verkauft werden, werden in Deutschland als Ein-Jahres-Produkte vertrieben, obwohl es sich um völlig identische Produkte handelt (Antigen-Gehalt etc.).  

Daß inaktivierte Tollwut-Impfstoffe auch Haustiere mindestens drei Jahre lang zuverlässig schützen, ist seit den 70er Jahren belegt. Dennoch ist eine Änderung der Impfvorschriften in der deutschen Tollwut-Verordnung nicht in Sicht, obwohl sie wegen des Sarkom- und Anaphylaxie-Risikos wünschenswert wäre. Überdies ist international unstrittig, daß ein Titer von 0,5 verläßlich schützt. 

Die langjährigen Erfahrungen der USA mit Drei-Jahres-Tollwutimpfungen an Katzen und Hunden zeigen, daß dreijährliche Revakzinierungen Intervalle den Schutz der Bevölkerung genauso sicherstellen wie das Ein-Jahres-Intervall. So ist in Kalifornien in 20 Jahren der Anwendung des Drei-Jahres-Intervalls kein Fall von Tollwut an geimpften Katzen oder Hunden aufgetreten. Darüber hinaus berichten US-Veterinäre von einer besseren Compliance der Tierhalter (Macy, 1999).

 

10.  Erfahrungen von Tierhaltern und Praktikern 

Auch in Deutschland bezweifeln immer mehr Tierhalter den Sinn der üblichen Impfpläne für Katzen oder Hunde und wenden verlängerte Intervalle an. Titerbestimmungen, die diese Tierhalter auf eigene Kosten durchführen lassen, bestätigen, daß der Schutz sehr viel länger als ein Jahr anhält. Der Einwand, daß länger nicht mehr geimpfte Tiere nur von den regelmäßigen Impfungen ihrer Artgenossen profitieren, es sich also um Trittbrettfahrer handelt, ist immunologisch nicht haltbar und durch Titermessungen vielfach widerlegt worden.

 

„Es ist nicht meine Aufgabe oder die meiner Kollegen in Forschung und Lehre, zu beweisen, daß jährliche Impfungen überflüssig sind. Es ist vielmehr Aufgabe der Milliarden-Dollar-Impfstoffindustrie, überzeugende Beweise dafür beizubringen, daß Katzen und Hunde sich von Menschen signifikant unterscheiden; es ist Aufgabe der Industrie, die medizinische Notwendigkeit jährlicher Impfungen an adulten Katzen zur Erhaltung der Gesundheit nachzuweisen – und ich meine damit nicht eine gesunde Bilanz.“ (Macy 1999)

 

(*) Das „Komitee für Veterinärmedizinprodukte“ der „Europäischen Agentur für die Evaluation von Medizinprodukten“ hat im Mai 2001 eine „Note for Guidance“ in Kraft gesetzt, derzufolge für Veterinärvakzinen die Dauer des Immunschutzes untersucht werden muß: „Um häufige Impfungen zu vermeiden, wird empfohlen, die Impfstoffe auf eine Weise zu untersuchen, die die tatsächliche Dauer des Schutzes zeigen, und Produkte zu entwickeln, die einen möglichst langen Immunschutz bieten.“ Wie sich diese „Note for Guidance“ in der Praxis auswirken wird, bleibt abzuwarten. Das sehr allgemein gehaltene Papier gibt nicht an, über welche Zeiträume künftig DOI-Studien gemacht werden müssen. - Vorstellbar ist, daß die Hersteller, falls sie tatsächlich langfristige DOI-Studien vorweisen müssen, auf die europaweite Zulassung ihrer Produkte lieber verzichten und statt dessen die Zulassung in denjenigen EU-Ländern beantragen, wo man ihnen solche Studien nicht abverlangt.

 

Literatur bei der Verfasserin.

  Copyright 2002: Monika Peichl
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